Spotlight

FIW-Spotlight: Preiseffekte dominieren Mengeneffekte beim Handel der EU27 mit Russland und Ukraine

Die Auswirkungen des ungerechtfertigten Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine und die daraus resultierenden ökonomischen Verwerfungen sind für alle spürbar: Steigende Rohstoffpreise und lange Lieferzeiten bei manchen Gütern konnten zwar schon vorher beobachtet werden, aber der Krieg hat diese Entwicklungen sicherlich weiter befeuert und verschärft.

Während der Handel mit Rohstoffen wie Gas aufmerksam beobachtet wird, gibt es auch spürbare Auswirkungen im Güterhandel. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf aktuelle Handelsdaten, und nehmen die Entwicklung im Handel der EU27 mit Russland und der Ukraine unter die Lupe. Wir verwenden dazu Daten der EU Comext Datenbank, welche auf detaillierter Produktebene und mit einer Verzögerung von zwei Monaten abrufbar ist. Da die Handelsströme weiters in Wertvolumen und Mengenvolumen berichtet werden, erlauben sie Mengen- und Preiseffekte zu unterscheiden und ermöglichen somit einen genaueren Blick auf die Trends vor und während des Kriegs zu werfen.

Im Jahr 2021 wurden Güter mit einem Handelsvolumen von 185,6 Milliarden Euro aus Russland importiert. Die Importvolumen aus der Ukraine betrugen rund 40,3 Milliarden Euro. Dieser Niveauunterschied ist nicht überraschend, da Russland auch die dreifache Einwohnerzahl aufweist. Auch die Exporte nach Russland waren 2021 um diesen Faktor größer.

Aufgrund der starken Preisentwicklungen ist es aber unabdingbar auch die Mengenentwicklungen (Daten sind verfügbar in Kilogramm) zu betrachten. Abbildung 1 zeigt die Indizes des Handelsvolumens (Werte), der Mengen und der Preise der Ex- und Importströme von Gütern der EU27 mit Russland und der Ukraine, wobei Jänner 2021 die Basis bildet. Diese Darstellung lässt die Trends dieser drei Indikatoren besser erkennen, blendet die absoluten Größen aber aus.

Die Graphik zeigt, dass sich die Exportvolumen nach Russland bis Februar 2022 stabil gehalten haben (im Vergleich zu März 2021) und für die Ukraine bis Dezember 2021 sogar gestiegen sind, danach aber auf etwa die Hälfte gefallen sind. Die Exportvolumen in die Ukraine konnten sich im April und Mai dieses Jahres schon fast wieder auf Vorkriegsniveau erholen. Auch bei den Exportvolumen nach Russland scheint im Mai ein Aufwärtstrend erkennbar. Die Aufteilung nach Mengen- und Preiseffekten zeigt aber, dass der Aufwärtstrend vorrangig durch eine Preissteigerung getrieben wird: die Exportmengen stiegen von 511 Mio kg im April um nur 7 % auf 546 Mio kg im Mai, während sich die durchschnittlichen Exportpreise um 26 % erhöhten. Die Steigerungen der Exportmengen sind vor allem in der Produktgruppe 84 (Kernreaktoren, Kessel, Maschinen, Apparate und mechanische Geräte; sowie Teile davon) zu finden: spezialisierte Maschinen von Hebe- und Beladegeräten über Mäh- und Dreschgeräten bis hin zu Verbrennungsöfen (Produkte, welche scheinbar nicht sanktioniert sind) wurden im Mai verstärkt nach Russland exportiert.

Wenig überraschend lässt sich erkennen, dass die Handelsvolumen der Importe aus Russland ab März 2022 und der Ukraine ab Februar 2022 einen Rückgang erfahren haben (und im Mai 2022 bereits wieder gestiegen sind). Durch die Aufsplittung des Importvolumens in Mengen und Preise zeigt sich, dass die Menge an Importen der EU aus der Ukraine stärker zurück ging als aus Russland, wo die Importmengen nur wenig sanken. Weiters ist erkennbar, dass vor allem der Preis von Importen aus Russland seit Jänner 2021 gestiegen ist und erst im Mai 2022 einen Rückgang verzeichnet hat. Und der Preisanstieg ist sogar für die gestiegenen Importvolumen verantwortlich: Die Importmenge war bis Jänner 2022 um etwa 8 % geringer (im Vergleich zu Jänner 2021) und ging danach noch weiter zurück (-25 % in Mai 2022).

Abbildung 2 zeigt die EU27-Handelsströme mit der Ukraine aufgeschlüsselt nach Produktgruppen. Die drei am meisten gehandelten Produktgruppen waren 2021 Güter des Industriebedarfs, Investitions- und Konsumgüter. Der Krieg scheint dabei schon Veränderungen gebracht zu haben: Seit April werden vermehrt Kraft- und Schmierstoffe und Fahrzeuge in die Ukraine exportiert. Es zeigt sich, dass sowohl die Mengen als auch die Volumen der Exporte in die Ukraine in fast allen Produktgruppen nach Februar 2022 stark fielen, sich aber wieder rasch erholten. Insbesondere ist – im Vergleich zu den Vorperioden – ein Anstieg in der Kategorie „Güter anderweitig nicht angegeben“ (orange Linie) zu bemerken, da darunter unter anderem Waffen und Munition fallen. Deren Exporte sind von 0,5 Mio. Euro im Jänner auf 133 Mio. Euro im Mai angestiegen.

Die Importe aus der Ukraine bestehen vor allem aus Gütern des Industriebedarfs (61 % des Importvolumen) und Nahrungsmittel (21 % des Importvolumens). Nach dem Einbruch im Februar ist für alle Produktgruppen eine leichte Erholung im Mai 2022 feststellbar. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Erholungsphase weiter anhält: Russland und die Ukraine haben durch die Vermittlung der Türkei ein Abkommen unterzeichnet, welches die sichere Ausfuhr von Getreide feststellen soll. Einige mit Getreide und anderen Nahrungsmittel beladene Schiffe haben seither den Hafen von Odessa verlassen.

Das Volumen der Exporte nach Russland ging ab März stark zurück, scheint aber ab Mai einen kleinen Aufschwung zu zeigen, was auf die Preissteigerungen zurückgeführt werden kann. Die Exporte an Fahrzeugen (in Mio. Euro) sind von Jänner bis Mai um 85 % gefallen, wobei jedoch ein leichter Anstieg im letzten Monat zu erkennen ist.

Bei den Importen aus Russland macht die Kategorie „Kraftstoffe und Schmierstoffe“ 69 % des Gesamtwertes aus. Güter des Industriebedarfs machten weitere 27 % aller Importe aus, die restlichen Kategorien fallen mit 1 % oder weniger kaum ins Gewicht.

Ab März fallen die Importmengen in den meisten Produktkategorien. Dabei hat sich das Wertvolumen für die Produktkategorie Kraftstoffe und Schmierstoffe seit Jänner 2021 mehr als verdoppelt, während das Mengenvolumen annähernd gleichgeblieben ist, was somit auf starke Preisanstiege zurückzuführen ist.

Allgemein sind diese starken Preisanstiege – und nicht nur bei Importen von Rohstoffen wie Gas oder Öl – der wichtige Faktor, warum es Russland gelungen ist, in den ersten sechs Monaten von 2022 einen Handelsüberschuss von 138,5 Mrd Dollar zu erzielen. Insgesamt zeigt sich, dass aufgrund des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine der Handel starken Änderungen unterworfen war. Dabei ist jedoch aufgrund der starken Preisdynamik insbesondere wichtig, die Entwicklungen in Mengeneinheiten zu betrachten, um ein realistisches Bild der Entwicklungen zu zeigen.

Autor: Mag. Dipl. Ing. Oliver Reiter (wiiw)

Oliver Reiter ist Ökonom und Data Scientist am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Seine Forschungsschwerpunkte sind internationaler Handel, nicht-tarifäre Maßnahmen im Handel, die Erstellung/Aktualisierung einer multiregionalen Input-Output-Datenbank (wie WIOD) und agentenbasierte makroökonomische Modelle. Er hat einen Bachelor- und einen Master-Abschluss in Volkswirtschaft, einen Bachelor-Abschluss in Statistik und einen Master-Abschluss in Informatik, alle von der Universität Wien.

Die Graphiken wurden von Karl Gmeiner erstellt. Karl Gmeiner ist Schüler am Europagymnasium Baumgartenberg und absolvierte im Sommer 2022 ein Volontariat am wiiw.